Life Engineering» las ich mit sehr viel Interesse. Besonders erhellend sind für mich die Ausführungen zur Lebensassistenz und zur maschinellen Intelligenz im Jahre 2030. Etwas Vergleichbares kenne ich nicht. Ebenfalls bemerkenswert die Überlegungen zur Lebensqualität, insbesondere auch die Unterscheidung in Hedonia und Eudaimonia. Entscheidend scheint mir zudem die Bereitschaft, die Werte einer bürgerlichen Gesellschaft wie Privatheit oder Autonomie neu zu denken.

 

Zu diskutieren ist aus meiner Sicht die These, dass es nicht nur ein Recht, sondern in vielen Fällen eine Pflicht zur Beeinflussung von Menschen gibt. Dabei geht es für mich nicht um das Spannungsverhältnis von Individuum vs. Fachwissen. Vielmehr wage ich zu bezweifeln, ob es in einer nächsten Gesellschaft überhaupt noch so etwas wie ein für alle Menschen zu definierendes Wohl gibt. Persönlich neige ich mit Dirk Baecker dazu, dass man in einer durch die Digitalisierung getriebenen nächsten Gesellschaft vergeblich von einem Allgemeinen, von der Vernunft der Aufklärung, dem Gang der Geschichte, den Gesetzen der Natur oder dem Sinn des Lebens träumt, dem alles andere zur Bewertung zugeordnet werden kann.

 

Auch ich erkenne die in «Life Engineering» skizzierten Risiken einer kapitalistischen oder kommunistischen Konsumsteuerung. Alternativ sehe ich aber nicht die Steuerung durch übergeordnete, der Lebensqualität verpflichtete Instanzen als vielmehr eine Gesellschaft, die sich in zahllose Teilsysteme auflöst, die im Verhältnis der blossen Nachbarschaft zueinander funktionieren. Zusammengehalten werden die einzelnen Teilsysteme durch die Einstellung, die Visionen und Werte der Akteure des Teilsystems. Ich vertraue darauf, dass jede Macht durch eine Gegen-Macht herausgefordert wird. Digitale Medien machen nicht nur die Macht der grossen Internet-Konzerne oder das Social Scoring in China, sondern auch neue Formen sozialer Bewegungen möglich. Unabhängig von der Vision bleibt die Frage, welche gesellschaftlichen und politischen Kräfte die Transformation der Gesellschaft vorantreiben. Hubert Österle stellt zu Recht fest, dass die Technisierung der Welt dringend nach neuen Konzepten zur Lenkung von Wirtschaft und Gesellschaft zum Wohle der Menschen verlangt. Möglicherweise sind aber nicht nur die Konzepte zur Lenkung der Gesellschaft, sondern ist auch das «Konzept Lenkung» zu überdenken. Spannende Fragen.

Gabriele Nussbaumer

Das Buch ist wahrlich keine leichte Kost. Die Szenarien, die es beschreibst, sind derart realistisch und nachvollziehbar, dass ich mich der Entwicklung zur Superintelligenz ähnlich ausgeliefert empfinde, wie derzeit dem Corona-Virus. Auch wenn über Kontrolle vor Missbrauch und besserem Verständnis durch eine neu zu schaffende Wissenschaft „Life Engineering“ geschrieben wird, so habe ich nach der Lektüre deines Buches das Gefühl, dass der Prozess in den unterschiedlichen Staaten, in denen Forscherteams unsere Welt gerade neu definieren, schon längst außer Kontrolle ist. Die Politik hat dafür noch kein Sensorium entwickelt. Zumindest ist das mein Eindruck.

Allerdings wird im Buch für mich der wichtige Aspekt des Humors nicht ausreichend behandelt. Humor ist für mich weniger, sich über die Unvollkommenheit anderer zu amüsieren, sondern über die eigenen Missgeschicke und Fehler lachen zu können. Das befreit und macht glücklich. Wenn ich etwa ein Glas umwerfe, dann erscheint es mir viel weniger tragisch, wenn ich über meine eigene Ungeschicklichkeit herzlich lachen kann, als wenn ich mich darüber ärgere. Humor nimmt einfach viel von der Schärfe und verleiht eine Leichtigkeit, die den Alltag bunter und lebenswerter macht. Natürlich funktioniert das nicht immer und Humor ist oft auch nicht angebracht. Aber manches mit einem Augenzwinkern zu betrachten, trägt wesentlich zur Lebenszufriedenheit bei. Ich bezweifle, dass eine Superintelligenz auch über Humor verfügen kann. Aber wer weiß?!

Das Buch sollte zur Pflichtlektüre für Entscheidungsträger in allen relevanten gesellschaftlichen Bereich werden! Ich werde es jedenfalls gern weiter geben.

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